mühlen.kunst! in der Kunstmühle Eichhofen

Von Maria Baumann

Seit Mai 2015 hat Kunst im Landkreis einen besonderen Ort, an dem Menschen sich begegnen, Strömungen in der Kunst aufeinandertreffen - Wirbel entstehen, um Neues an altbekanntem Platz zu erschaffen. In der Kunstmühle Eichhofen im Labertal gibt es unter dem beeindruckenden historischen Gebälk mühlen.kunst! Damit wird ein neuer Akzent im bereits 1990 begonnenen Kunst- und Ausstellungsbetrieb in der Von-Rosenbusch-Straße 3 gesetzt. Zeitgenössische bildende Künstler zeigen, zumeist abgestimmt auf das Jahresthema des Landkreises, Skulpturen, Installationen und Gemälde, die in den weiten Räumen der Mühle aus dem 19. Jahrhundert auf zwei Stockwerken ihre ganz eigene Kraft entfalten können. Musiker gastieren mit klassischen Arrangements sowie neuen Weltmusikkompositionen in einem Konzertsaal mit ganz eigenem Charme.

Die Geschichte der Mühle reicht 500 Jahre zurück. Die sogenannten Hammerschlösser, die vom 16. bis ins 18. Jahrhundert in der Oberpfalz als repräsentative Wohngebäude von Hammerwerk-Besitzern errichtet wurden, gehören zu den Besonderheiten der bayerischen Landschlösser. Zu diesen zählt auch das Schloss Eichhofen.

Der ehemalige Eisenhammer hat im Jahr 1848 seinen Betrieb eingestellt. An der bisherigen Stätte von Eisen- und Stahlproduktion erbaute der Regensburger Großhändler Wilhelm von Neuffer zwei moderne Kunstmühlen. Als Kunstmühle wurden ab dem 19. Jahrhundert Mühlen bezeichnet, die einen für die damalige Zeit besonders hohen technischen Standard aufwiesen. Der Wortbestandteil „Kunst“ bezieht sich dabei nicht auf Kunst im Sinne des Schaffens eines Kunstwerks, sondern auf die Ingenieurskunst, also die Technik. Maßgeblich für die Auszeichnung als Kunstmühle war meist, dass die alten Mahlgänge mit Mühlsteinen durch moderne Walzenstühle ausgetauscht wurden. Damit einher ging oft das Ersetzen der alten Wasserräder durch moderne Turbinen oder die Verwendung von Dampfmaschinen und Elektromotoren zum Antrieb.

Aus den teilweise bis auf das Mittelalter zurückgehenden Handwerksbetrieben wurden so industrielle Kleinunternehmen. Ein Aufschwung, den der Fortschritt selbst etwas über 100 Jahre später überholt hat. Die 1848 errichteten Getreidemühlen stehen seit 1970 still. Wo einst Korn und Schrott zu feinem Mehl vermahlen wurden und das Müllerhandwerk das imposante Gebäude mit Leben erfüllte, blieben nach dem Mühlensterben alte Mauern ohne Inhalt. Daniela Schönharting und ihr Mann Michael geben nun dem Begriff der Kunstmühle eine neue Identität. Sie machen die Türen auf für qualitätvolle und dabei kostenlose Angebote für alle.

Die erste „Mühlenkunst“ vom 10. bis 31. Mai 2015, kuratiert von der Hausherrin gemeinsam mit der leider 2018 viel zu früh verstorbenen passionierten Kunstliebhaberin Dr. Birgit Kiefer, stand unter dem schlichten und doch umso facettenreicheren Titel „Frauen“. Michael Scheiner überschrieb seine Rezension in der Mittelbayerischen Zeitung mit „Pralle Weiber gegen glatte Frauenbilder“. Brigitte Berndt, Michaela Geissler, Michaela Gräper, Andreas Kuhnlein, Ursula Merker, Herbert Muckenschnabl, Luise Unger und Sabine Wild eröffneten mit ihren individuellen Kunstpositionen kritische und provokative, ruhige und realistische Sichten auf eingenommene und aufgedrängte Rollen der Frauen.

Damit wies die erste Ausstellung den Weg. In Eichhofen geht es nicht um „schöne“ Kunst, die die Besucher gerne mal sonntags zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken in der Gaststätte nebenan anschauen. Die gezeigten Werke fordern heraus zur Auseinandersetzung mit künstlerischem Schaffen, individuell, leise und farbintensiv, hintergründig, persönlich, bewusst, eigenwillig. Damit positionierte sich die Mühle von Anfang an als ein wichtiger Ausstellungsort im Kulturleben des Landkreises.

Im Herbst 2015 stimmte das Thema der nächsten Schau perfekt zum Ort, der selbst einst vom Wasser lebte und durch ihn definiert war. Im historischen Gemäuer an der Schwarzen Laber präsentierten Pauline Adler, Stefan Bircheneder, Stefan Göler, Gisela Griem, Susanne Ibler, Bettina Kamann, Johannes Paffrath und Maria Seidenschwann mit feiner und expressiver, gestischer und informeller bis zu fotorealistischer Malerei, von Installation über Objekt bis hin zu Fotografie und Druckgrafik unterschiedlichste Blicke auf das blaue Element. Eine Tanz- und Musikperformance mit Kilta Rainprechter und Anka Draugelates zur Vernissage ergänzte die Ausstellung zur spannenden Melange der Künste.

In der Komposition von Können und Kreativität widmete sich die Interpretation zum Thema „Hopfengarten“ mit der Vernissage am Tag des Bieres im Frühjahr 2016 den grünen Dolden, welche die bayerische Braukunst berühmt gemacht haben und natürlich den Eichhofener Mühlenbesitzern besonders wertvoll sind. Hans Dollinger aus Rohrbach in der Holledau mit seinen keramischen Erdspuren und Gisela Griem in ihren zarten Holzschnitten und Radierungen interpretieren das Thema „humulus lupulus“ bodenständig und fein, aber alles andere als traditionell. Und die Tanngrindler Musikanten spielten dazu überlieferte, entstaubte Volksmusik.

Im Mai 2017 erblühte die Mühle in bunter Fülle. Beim „Blütenrausch“ setzten Maria Maier, Hubertus Hess, Tom Kristen und Thomas May die Farbintensität der Natur in Szene, in der gegensätzlichen Art ihres Schaffens von nüchternen Bildhauerobjekten mit Fundstücken über klare Abwandlungen des Blütenstilllebens bis zu poetischen und dabei durchaus unromantischen gezeichneten und installierten Blicken über den Gartenzaun. Der malerische Reigen von Werden und Vergehen spielte zusammen mit dem Concertino mit Liedern für Sopran und Harfe von Mendelssohn und Brahms mit Dagmar Spannbauer und Veronika Miller-Wabra.

Wie dafür gemacht und im Detail war sie das auch: In der Ausstellung „Spreu und Korn“ begegneten sich im Werk von Hermann Bigelmayer mit einem kleinen Weizenkorn, etwa sieben Millimeter lang, und einer alte Mühle zwei zunächst recht prunklose Protagonisten. Der Münchner Holzbildhauer schuf daraus eine sinnliche Installation. Er brachte den Weizen in die Mühle zurück und ließ mit seinen Arbeiten, in denen der geduldige Schnitzer sensibel die feinen Formen herausarbeitet, die architektonische Schönheit des schützenswerten Baus neu sichtbar werden. So wie beim Dreschen Spelzen und Hülsen, Grannen, Samenhüllen und Stängelteile, die Spreu, vom Getreide abfallen und nur das reine Korn übrigbleibt, konzentriert sich Hermann Bigelmayr auf die reine Form. Auf dem Bett des Saatgutes inszenierte er in Eichhofen einen riesigen gebrochenen Weizenhalm aus Ahorn. Die Ähre mit einer Länge von 1,80 m erreichte menschliches Maß. Sie war leer und zeigte damit über der Fülle der reifen Weizenkörner am Boden schwebend die Problematik: Weltweit werden weit über 700 Mio. Tonnen Weizen geerntet, doch viele hungernde Menschen gehen dabei leer aus. Achtsam und voller Energie wie die Arbeiten des Vaters gestaltete die Mezzosopranistin Rebekka Bigelmayr zur Finissage mit dem Gitarristen Milorad Romic ein außergewöhnliches Konzerterlebnis mit altitalienischen Arien und deutschen Volksliedern.

Am 3. Oktober 2018 eröffnete die Themenschau „Wanderung durch das Haus Europa“ mit Arbeiten von Renate Christin und Künstler/innen der Gruppe „SaFiR“.  In der Alten Mühle, im Schloss, Gasthof und der Brauerei wurde der europäische Gedanke in vielen Exponaten wieder- und neu entdeckt. Renate Christin war 26 Jahre lang Leiterin des Internationalen Kunstforums Eichhofen und ein Symposium mit den beiden rumänischen Künstlern Gina Hora und Sorin Vreme im Mühlengebäude für sie Ausgangspunkt des Projekts „Gemeinsames Haus Europa“ geworden. Prof. Dr. Markus Bresinsky begann seine Rede zur Vernissage mit einem Blick aus der Mühle: „Aus diesen Fenstern sieht man die Burgruine Loch auf einem heute herrenlosen Grundstück. Um 1300 gab es hier eine stolze Burgherrschaft und die Burg hatte ein wichtige Schutz- und Repräsentationsfunktion. Menschen arbeiteten hier, gründeten Familien, schufen Werte und Werke. Und sie gehörten und gehorchten einem Herren. Wenn das Rauschen der Laaber allen modernen Lärm übertönt, kann man sich das Hufgetrappel vorstellen, den Lärm von Schmiedehämmern und das Rumpeln von Wagenrädern. Und wenn man genau hinhört, das fröhliche Anstoßen von Bierkrügen im Dorfwirtshaus. Wirtschaftliche und politische Veränderungen haben diesen Ort in den letzten 700 Jahren grundlegenden verändert.“ Vom Kleinen zum Großen: Bresinsky lud zu einem eindrucksvollen Streifzug durch die wechselvolle Geschichte Europas ein, wies auf die aktuellen Bedrohungen des Hauses Europa durch Populismus und Nationalismus. „Wir brauchen keine Burgen mehr! Wir brauchen kein Zurück in die Zeiten von Wappen und Mauern. Was wir brauchen ist eine Gemeinschaft, wie ein Dorf mit Häusern, in dem Nachbarschaft und Gastfreundschaft wichtiger sind als Streit und Ablehnung“, rief Markus Bresinsky, Professor für internationale Politik und Sozialwissenschaften, auf, und er schloss mit einem Bild, in dem der Grundgedanke von Europa vor der eigenen Haustür lebbar wird: „Für diese Gemeinschaft ist nicht die Burg, sondern der Stammtisch im Dorfwirtshaus das wohl passendere Bild. Dort wird diskutiert und gestritten, aber nicht gerauft. Dort gibt es Respekt und Toleranz, trotz aller Unterschiede.“

In den Worten, in der Musik von Edgar Feichtner, DrahDeWadl und Trio Trikolore, vor allem aber in den gezeigten Bildern war das Haus Europa kein fern erdachtes Konstrukt, sondern wurde hör-, spür- und fassbar. Strichhäuschen, bei dem der einmal angefangene Strich erst nach „Fertigstellung“ des Gesamten stoppt, wurden zum Symbol auf Leinwand für die Hoffnung auf ein grenzenloses Europa. Damit gelang eine politische und zugleich bodenständige Ausstellung in der Mühle zum Erfolg.

Im Mai 2019 wurde dann eine Idee umgesetzt, die für Dr. Birgit Kiefer ein Herzensanliegen bis zuletzt war. Skulptur, Plastik und Malerei von Michaela Geissler, Florian Geissler und Herbert Muckenschnabl entführten in „Traum.landschaften“. Aus Lehm, dem Urstoff des Menschen in der Schöpfungsgeschichte, geformte Stelen und Büsten und im Gegenüber die kraftvoll einfachen Formen der Natur auf Leinwand ließen die Phantasie auf Reisen gehen. „Reduktion, um ein Maximum an Aussage erzielen. Reduktion bis hin zum Symbol“, wie Peter Lang in seiner Einführungsrede treffend formulierte, die Arbeiten. Archaische Bilder von Engeln, Phönix und Wächterfiguren, strenge Strukturen von Waldstücken begegneten den Besucherinnen und Besuchern als Vorstellungen einer künstlerischen Form von Bewusstsein und Bewusstheit für die Natur der Landschaft und des Menschen.

2020 war dann alles anders und man wünschte sich immer wieder, aus diesem beängstigenden Traum aufzuwachen. Das Virus Covid 19 gebot auch dem Ausstellungsbetrieb Einhalt. In diesem außergewöhnlichen Frühjahr entstand schließlich eine außergewöhnliche Idee: mühlen.kunst auf Abstand. Die Brauerei bot den Spaziergängern, die nicht verweilen konnten, „Wanderbier“ zum Mitnehmen an, Tom Kristen, Renate Christin, Bernadette Maier, Herbert Muckenschnabl, Günther Schönharting, Ursula Wohlfeld gestalteten mit ihrer Kunst Paletten, die kreativ den angeordneten Abstand von Mensch zu Mensch von 1,50 Metern markierten. Sie wurden zu ausdrucksstarken Zeichen, dass Kunst gerade in schwierigen Zeiten ein Stück Zuversicht und Freude schenken kann, mehr noch eine wichtige Nahrung für den Geist. Die mühlen.kunst geht weiter, die konkreten Planungen für 2021 laufen. Ausstellungen mit Anspruch sollen auch in Zukunft im Labertal ein inspirierendes Ziel für Kunstfreunde sein.